Jährliche Gedenkfeier im Waldfriedhof

Der Waldfriedhof in Bruneck

 

Bereits nach den ersten schweren Gebirgskämpfen im Juni 1915 an der Dolomitenfront trafen die ersten Schwerverwundete in Bruneck ein. Die Gefechte am Col di Lana-Abschnitt forderten bald hunderte von Opfer. Schwerverwundete wurden in die Lazarette der Bezirksstadt Bruneck geführt. Viele der Verwundeten überlebten nicht. Es musste deshalb ein Platz gefunden werden, um die immer steigende Zahl der verstorbenen Soldaten bestatten zu können.

Der Kommandeur des Abschnittes Col di Lana – Pustertal, General der Infanterie Goiginger erhielt vom Bürgermeister der Stadt Bruneck Josef Schifferegger ein Stück Grund auf dem nahen Lärchenhügel des Kühbergls, um dort einen Soldatenfriedhof anlegen zu können. Den Plan für den Friedhof entwarf Arch. Oberstleutnant Ing. A. Bechtold aus Bregenz, während Oberstleutnant Ing. Herbeck alle Arbeiten übernahm und durchführte.

 

Die Weihe des neuen Soldatenfriedhofes fand am 4. Juli 1915 statt. Große Teile der Brunecker Bevölkerung nahmen an der ergreifenden Feier teil. Jeden Tag mussten neue Gräber ausgehoben werden, täglich wurde neue Opfer des Krieges begraben.

 

Zu Allerheiligen desselben Jahres waren dort bereits hundert Soldaten zur letzten Ruhe bestattet worden. Die erste Totenfeier zu Allerheiligen am neuen Soldatenfriedhof war geprägt vom tobenden Krieg und der immer größer werdenden Not im Lande. Viele hundert Soldaten und Zivilisten nahmen an dieser ersten Allerheiligenfeier am Waldfriedhof teil. Ergreifend war die Stimmung bei einbrechender Dunkelheit und dem Licht von vielen hundert kleinen Kerzen auf den Gräbern.

 

Gegenüber der Ursulinenkirche wurde eine kleine Holzkapelle gebaut, von wo aus die toten Krieger unter militärischen Ehren und unter den Klängen einer Musikkapelle zur letzten Ruhe begleitet wurden.

 

Bis zum Kriegsende im November 1918 fanden in 719 Einzelgräbern und 15 Massengräbern 669 gefallene österreichische Soldaten, 45 reichsdeutsche Soldaten des Deutschen Alpenkorps, 7 rumänische, 13 serbische, 77 italienische und 103 russische Gefangene am Kühbergl ihre letzte Ruhestätte. Je nach Konfession der Toten wurden die Grabmale mit katholischem Kreuzzeichen, dem Halbmond für die Mohammedaner, dem Davidstern für die Juden oder dem russisch-orthodoxen Doppelbalkenkreuz geschmückt.

 

Während an der Front der Krieg tobte, herrschte im Friedhof selbst Frieden. Man begrub Freund und Feind nebeneinander. So fanden verstorbene italienische Gefangene neben österreichisch- ungarischen Soldaten ihre letzte Ruhestätte. Genau so macht man keinen Unterschied zwischen den zahlreichen Religionen. Alle fanden im selben Friedhof ihre letzte Ruhe. Noch heute staunt mancher Besucher über so viel Weitsicht und Toleranz.

 

Mit Ausnahme weniger Schmiedeeisenkreuze wurden alle Grabkreuze wie auch die Pforten zum Friedhof kunstvoll aus Holz gearbeitet. Die oft etwas fremdartig anmutenden Kreuze und Holzgebilde auf den Gräbern und der Friedhof selbst wurden unter Aufsicht von österreichischen Soldaten von russischen und serbischen Kriegsgefangenen errichtet und gepflegt. Die Gefangenen ließen dabei nicht nur ihr handwerkliches Geschick, sondern auch die Tradition ihrer Heimat in ihre Arbeit einwirken. Der tiefe Glaube dieser Männer, die größtenteils der orthodoxen Kirche angehörten, hat somit das Bild des Soldatenfriedhofes mitgeprägt.

 

Neben der Kapelle im Tschurtschenthalerpark, welche zur Einsegnung der Gefallenen diente, wurde bereits 1915 im Friedhof selbst eine kleine bescheidene Holzkapelle errichtet.

 

Im November 1918 wird Tirol und somit auch Bruneck von den Wirren des Kriegsendes überrollt. Tausende von heimkehrenden Soldaten und Kriegsgefangene zogen durch das Tal in Richtung Heimat. Viele der durchziehenden Soldaten starben auf ihrem Weg in die Heimat wegen der Strapazen und dem Hunger. Genau so erging es in den letzten Kriegstagen vielen der in Brunecker Lazaretten unterbrachten Verwundeten. Nach Kriegsende am 4. November 1918 wurde die Lage noch unübersichtlicher und die Versorgung der Soldaten und besonders der Verwundeten brach zusammen. Die Massengräber, welche in den letzten Kriegstagen errichtet werden mussten, zeugen von der schrecklichen Lage.

 

Nach dem Krieg trat am Soldatenfriedhof Ruhe ein. Die Bürgerschaft von Bruneck war sich der Verantwortung bewusst, den Friedhof zu pflegen und zu erhalten, galt es doch über 900 Gräber zu betreuen. Im Jahr 1919 bildete sich in Bruneck ein Damenkomitee, das sich der Sache des Soldatenfriedhofes annahm. Für das Komitee galt es den Friedhof als Gedenkstätte für die vielen Gefallenen zu erhalten. Mit freudigem Einsatz und immer bescheiden in ihrer Art ging das Frauenkomitee an die Arbeit. Eine Arbeit, die heute noch mit dem selben Einsatz und Überzeugung weitergeführt wird.

 

Es war Verdienst dieses Frauenkomitees, dass der Friedhof die Wirren der Geschichte bis heute „überlebt“ hat. Durch zahlreiche freiwillige Spenden aus dem ganzen Lande blieb der Waldfriedhof weiterhin eine besinnliche Gedenkstätte. Und dies obwohl die Menschen im Lande nach dem Krieg wohl andere Sorgen hatten. Einmal galt es die große Not im Land zu mildern und sich den neuen Machtverhältnissen wohl oder übel anzupassen. Doch bald zog nach der Machtergreifung der Faschisten ein rauer Wind über das Land herein und ließ jede Hoffnung auf bessere Zeiten verschwinden.

 

Höhepunkt des stillen Widerstandes gegen das Mussolini-Regime war wohl die Allerheiligenfeier 1938 im Waldfriedhof. Trotz Verbotes, deutsche Lieder zu singen, erklang wie auf geheimen Befehl aus hunderten von Kehlen das Lied des guten Kameraden. Tage später wurden in Bruneck zahlreiche junge Männer verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Man warf ihnen vor das verbotene deutsche Lied des Guten Kameraden am Waldfriedhof angestimmt zu haben.

 

Während des zweiten Weltkrieges fanden in den leeren, durch die Umbettung der Italiener - und Deutschen freigewordenen Gräber andere Gefallene ein ehrendes Grab. Für die weit von ihrer Heimat gefallenen Brunecker errichteten ihre Angehörigen Gedächtnisstätten. Zwanzig Soldaten, welche im letzten Weltkrieg in Bruneck und Umgebung den Tod fanden, wurden ebenfalls im „stillen Waldverlies“ begraben. Es waren 19 deutsche Soldaten und ein italienischer Offizier.

 

Die letzten Soldaten wurden 1960 im Waldfriedhof begraben. Es waren 4 Südtiroler, welche 1944 bei Montecassino ihren Tod fanden und nach dem Krieg von dort nach Bruneck überführt wurden. Dieser letzte Beisetzungsfeier wohnten viele Hunderte ehemaliger Frontkämpfer und Heimkehrer bei. Die Feier war geprägt von Würde und Ehrfurcht und Dank für den Frieden.

 

Heute ist der Waldfriedhof ein stilles Mahnmal, nicht weit entfernt vom pulsierenden Leben der Stadtgasse von Bruneck. Dank der fleißigen Hände des Damenkomitees und anderer freiwilliger Helfer bleibt der Waldfriedhof erhalten, ein Ort der Ruhe und Besinnung, in einer unruhigen und unfriedlichen Zeit.

 

Dokumentation zum Waldfriedhof Bruneck

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